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Über Wolf Schneider

Wolf Schneider (85) ist Honorarprofessor der Universität Salzburg, Träger des Medienpreises für Sprachkultur der "Gesellschaft für Deutsche Sprache", Kolumnist der "Neuen Zürcher Zeitung" und Ausbilder an fünf Journalistenschulen. Er war Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Washington und Chefredakteur der "Welt".

 

Glückwunsch Dipl.-Ing.

 

Die Publikation "Glückwunsch Dipl-Ing. - Ein Gütesiegel wird 111 Jahre alt" können Sie ab dem 8.10.2010 im Buchhandel bestellen!

 

"Glückwunsch Dipl.-Ing.! Ein Gütesiegel made in Germany wird 111 Jahre alt" (2010)

Hrsg.: Prof. Dr.-Ing. Ernst M. Schmachtenberg

ISBN 978-3-00-032050-7

 

Die Strahlkraft der Marke "Dipl.-Ing."

Von Wolf Schneider

Ob wir noch das Land der Dichter und Denker sind, darüber kann man verschiedener Meinung sein; unbestreitbar sind wir das Land der Erfinder, der Tüftler, der Ingenieure, der Facharbeiter, die die besten Autos, die begehrtesten Maschinen der Welt bauen und das "Made in Germany" zum Inbegriff aller irdischen Zuverlässigkeit erhoben haben.

 

Wer dieses grandiose Markenzeichen abschaffen oder auch nur verändern wollte, würde eine ungewöhnliche Dummheit begehen. Namen sind Signale, der Name Coca-Cola ist weit mehr wert als das Produkt, und nie könnten Gucci und Armani es überleben, wenn sie sich in Smith und Schulze umbenennen müssten.

 

So darf man staunen, dass die deutsche Kultusministerkonferenz dem wichtigsten Menschen hinter dem "Made in Germany", dem Dipl.-Ing., seinen Namen aberkennen wollen. "Master of Science" soll er in Zukunft heißen, der Reform zuliebe, die die Wissenschaftsminister von 29 europäischen Staaten 1999 in Bologna beschlossen haben. Die Reform ist ja durchaus vernünftig, alle akademischen Abschlüsse soll sie international vergleichbar machen, und alle deutschen Universitäten ziehen mit. Nur: Dass zusammen mit der Einführung des Master of Science der deutsche Titel Dipl.-Ing. verschwinden soll, das wurde in Bologna gar nicht verlangt.

 

Und so fordert die TU 9 (der Zusammenschluss der neun größten Technischen Universitäten Deutschlands) ebenso wie der Verband deutscher Universitätsprofessoren und der Verein deutscher Ingenieure, dass das Universitäts-Diplom zusätzlich zum Master of Science den bewährten Dipl.-Ing. beim Namen nennt – nach dem Muster Österreichs, wo beide Titel in gleicher Größe nebeneinanderstehen.Was eigentlich soll da wem schaden?

 

Wenn das neue Observatorium auf La Palma den größten Teleskopspiegel einbauen will, den es je gab, 10,4 Meter im Durchmesser: Dann bestellt es ihn bei Schott in Mainz. Als die Erbauer des höchsten Turms der Welt in Dubai eine Pumpe suchten, die Beton mehr als 600 Meter hoch befördern kann, fanden sie sie bei der Firma Putzmeister in Aichtal bei Esslingen. Wenn der riesige Jesus über Rio de Janeiro oder die steinernen Köpfe von vier US-Präsidenten am Mount Rushmore gereinigt werden sollen, dann wendet man sich selbstverständlich an die Firma Kärcher in Winnenden bei Stuttgart. Für das internationale Tsunami-Frühwarnsystem liegt die Federführung in Potsdam, beim Deutschen GeoForschungs-Zentrum. Die längste Brücke der Welt, der 45 Kilometer lange Qatar-Bahrein-Causeway, wird großenteils von deutschen Diplom-Ingenieuren errichtet.

 

Das ist das deutsche Kapital auf Erden. Also: Nichts wie umbenennen! Wissenschaftsminister, Ministerialbeamte und Verbandsfunktionäre haben den Trost parat: "Der deutsche Master in den Ingenieurwissenschaften wird sich bald zu einem internationalen Markenzeichen entwickeln." Und vorher also hundert Jahre Weltruhm beerdigen! Als ob man Coca-Cola raten würde: "Tauft euch um! Der neue Name wird sich bald …"