Die Zukunft des Erfolgmodells Ingenieurpromotion
Eine Stellungnahme von TU9 German Institutes of Technology
0. Zusammenfassung
Die Erlangung des Doktorgrades (Promotion) ist in den Ingenieurwissenschaften das Ergebnis selbst verantwortlicher Forschertätigkeit, die in der Regel im Rahmen einer Beschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Forschungseinrichtung ausgeübt wird.
Die europäischen Minister für Bildung und Forschung werden sich bei ihrem nächsten „Bologna“-Treffen in London, Großbritannien (Mai 2007) mit einer Änderung der Promotions-Programme befassen.
TU9 begrüßt eine Weiterentwicklung der Promotion in Richtung einer strukturierten Doktorandenausbildung. Zu einer „Verschulung“ des Doktorats im Bereich der Ingenieur- sowie der Naturwissenschaften darf es aber dabei nicht kommen. Der Effekt der hochwertigen Kompetenzentwicklung und ingenieur-wissenschaftlichen Weiterbildung wird insbesondere durch „learning by doing“ erzielt. Er ginge verloren, wenn die Ingenieur-Promotion in der Art eines Studienprogramms curricular geregelt würde.
Die zügige Durchführung einer Promotion ist für die TU9 Mitglieder ein wichtiges Ziel. Daher soll der Promotionszeitraum inklusive der sonstigen akademischen Tätigkeit die Dauer von fünf Jahren nicht überschreiten.
Das bedeutet, dass die Forschungsinhalte so bemessen sein müssen, dass sie innerhalb von drei Personenjahren bearbeitet werden können.
TU9 stellt in Übereinstimmung mit CESAER fest, dass die Promotion nicht als die dritte Stufe der Ausbildung, sondern als die erste Stufe selbst verantwortlicher Forschertätigkeit aufzufassen ist, in der auf eine wissenschaftliche Laufbahn und auch auf eine berufliche Funktion in der Wirtschaft vorbereitet wird.
Daher fordert TU9 die Bundesregierung, die Länder sowie die Kultusministerkonferenz nachdrücklich auf, sich für eine Fortführung und Weiterentwicklung dieses erfolgreichen Modells der Ingenieur-Promotion einzusetzen und dafür im Europäischen Hochschulraum einzutreten.
1. Einleitung
In Deutschland werden zwei Drittel der Promovierten im Bereich der Ingenieurwissenschaften an TU9 Universitäten ausgebildet (Stat. Bundesamt, 2003). Den Präsidenten und Rektoren in TU9 liegt daher daran, dass ihre Promovierenden auch in Zukunft ihre Dissertationsprojekte erfolgreich abschließen können. Ein Faktor dafür sind gute und flexible Arbeitsbedingungen.
Die Promotion weist in den Ingenieurwissenschaften gewisse Besonderheiten auf. Sie stellt hier die erste Stufe selbstverantwortlicher Forschungs- und Berufstätigkeit dar.
Dafür gibt es mehrere bewährte Modelle. Üblicherweise erlangen Ingenieurabsolventen an deutschen Universitäten den Doktorgrad (die Promotion zum Dr.-Ing.) als Ergebnis einer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiter an dieser Forschungseinrichtung.
Anders als in anderen Fachrichtungen, sind die Promovierenden im Allgemeinen als Vollzeitbeschäftigte der Universität tätig.
Einen alternativen Weg wählen andere, die in Unternehmen arbeiten und berufsbegleitend promovieren.
Doktoranden der Ingenieurwissenschaften sind nicht als Studierende anzusehen, auch wenn sie als Studenten mit angestrebtem Abschluss Doktorgrad immatrikuliert sind.
2. Inhalt der Ingenieur-Promotion
Innerhalb der Ingenieur-Promotion erwerben Doktoranden Kompetenzen, die für eine berufliche Funktion in der Wirtschaft von großer Bedeutung sind.
Dabei steht der Erkenntnisgewinn oft auch im Zusammenhang mit Fragestellungen aus der industriellen Praxis, was für die Innovationskraft des Standorts Deutschland von enormer Bedeutung ist.
In Ergänzung der wissenschaftlichen Inhalte sowie der Qualifikation geht es um die Fähigkeit,
Entsprechend den Themen und Arbeitsweisen der Ingenieurforschung beinhaltet die Tätigkeit als Doktorand neben der Bearbeitung wissenschaftlicher Probleme:
Diese Aktivitäten ermöglichen es, den Doktoranden eine wesentliche, über das Fachliche hinausgehende Qualifikation zu vermitteln, die Kompetenzen beinhaltet, welche von großer Bedeutung für die Arbeitswelt sind. Doktorabsolventen der deutschen technischen Fakultäten erfahren daher bereits zu diesem Zeitpunkt eine hohe Wertschätzung durch die Industrie. Die Erfahrung zeigt, dass die Ingenieur-Promotion in ihrer jetzigen Form den Absolventen regelmäßig den Einstieg in verantwortungsvolle Funktionen in der Wirtschaft eröffnet.
3. Fortentwicklung des Erfolgsmodells Ingenieur-Promotion
TU9 legt fest, dass zukünftig eine systematische Förderung solcher Kompetenzen stattfinden soll (im Umfang von maximal ca. 20 Prozent der Doktorandentätigkeit). Dazu dienen zum einen besondere Lehrveranstaltungen und Leistungsnachweise wie Seminare und Kolloquien. Zum anderen sollen die oben aufgeführten, über die fachliche Qualifikation hinausgehenden Tätigkeiten planmäßige Elemente der Promotion sein und nach außen hin sichtbar dokumentiert werden, um für den nationalen wie internationalen Arbeitsmarkt als besondere Qualifikationsattribute herausgehoben zu werden.
Kernstück der Promotion bleibt aber nach wie vor die Erarbeitung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihre Darstellung in einer Doktorarbeit (Dissertation) als Nachweis eigenständiger Forschungsleistung.
*Sofern in diesem Text nicht geschlechtsneutrale Formen verwendet werden, sind sowohl Frauen als auch Männer gemeint.