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Über Prof. Schmachtenberg

Prof. Dr.-Ing. Ernst Schmachtenberg ist Rektor der RWTH Aachen und TU9 Präsident. Der gebürtige Aachener, Jahrgang 1952, wurde nach dem Studium des Maschinenbaus in Aachen an der RWTH promoviert.  Seine Führungsqualitäten stellte Professor Schmachtenberg in leitenden Funktionen in der Wirtschaft und in drei Universitäten unter Beweis.

 

 

 

 

 

 

 

 

Glückwunsch Dipl.-Ing.

 

Die Publikation können Sie ab dem 8.10.2010 im Buchhandel bestellen!

 

"Glückwunsch Dipl.-Ing.! Ein Gütesiegel made in Germany wird 111 Jahre alt" (2010)

Hrsg.: Prof. Dr.-Ing. Ernst M. Schmachtenberg

ISBN 978-3-00-032050-7

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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111 Jahre Diplom-Ingenieur sind noch lange nicht genug

Von Professor Dr.-Ing. Ernst Schmachtenberg

 

Mit der Entwicklung der modernen Wissensgesellschaft wächst das Bedürfnis nach hoch qualifizierten Menschen in den unterschiedlichsten Gebieten. Eigentlich dürfte es da nicht überraschen, dass auch die Zahl und Bedeutung der akademischen Grade wächst.

 

Ein kurzer Blick ins 19. Jahrhundert:

 

Der Ursprung des „Dipl.-Ing.“ geht auf einen „Allerhöchsten Erlass“ des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen Wilhelm II. zurück. Er datiert auf den 11. Oktober 1899 und wurde anlässlich der Hundertjahrfeier der Technischen Hochschule Berlin am 19. Oktober 1899 verkündet. Damit gab Wilhelm II. „den Technischen Hochschulen in Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung, welche sie in den letzten Jahrzehnten neben der Erfüllung ihrer praktischen Aufgaben erlangt haben“ das Recht, den Diplom-Ingenieur zu verleihen und zu promovieren.

 

Dafür hatten sich die Technischen Universitäten und die Ingenieure jahrelang eingesetzt.

 

Darauf waren und sind wir Ingenieure – ohne jede Kaisertümelei – bis heute stolz. Viele Träger dieses akademischen Grades haben mit ihren Werken deutsche Ingenieurskunst in der Welt zu einem unverwechselbaren Markenzeichen entwickelt. Allerdings ist der „Dipl.-Ing.“ an seinem 111. Geburtstag in großer Gefahr. Die deutschen Kultusminister haben im Zuge ihres Reformeifers mit der Einführung des zweistufigen Studiensystems mit Bachelor- und Masterstudiengängen auch mal eben den akademischen Grad „Dipl.-Ing.“ abgeschafft – man könnte auch sagen, „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“.

 

Wir für die Lehre an den Hochschulen Verantwortlichen bekennen uns zum Gedanken des europäischen Bildungsraums.

 

Wir begrüßen die Einführung des zweistufigen Studiensystems und arbeiten an dessen Umsetzung, der sogenannten „Bologna-Reform“. Dabei verfolgen wir unter anderem das Ziel, dass die im zweistufigen neuen Studiensystem ausgebildeten Ingenieure die gleiche Qualifikation erreichen, wie dies in den einstufigen universitären Diplomstudiengängen bisher möglich war. Die alten Diplomstudiengänge werden also abgeschafft und durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge ersetzt. Aber dabei erfinden wir doch nicht den Diplom-Ingenieur neu! Schließlich würde auch kein Automobilhersteller nach Einführung neuer Fertigungsprozesse die bewährte Marke seiner Fahrzeuge ändern. Welch ein Unsinn, wenn Mercedes mit der Einführung des Laserschweißens plötzlich seinen Stern abschaffen würde.


 

Gegen die Abschaffung des „Dipl.-Ing.“ wehren wir Technischen Universitäten in der TU 9-Allianz uns schon seit Jahren.

 

Mittlerweile hört man uns besser zu. Weil viele jetzt verstehen, was da passiert: Ein wunderbarer, weltweit geschätzter Abschlussgrad soll entsorgt werden. Der Diplom-Ingenieur ist eine Marke, die seit über 100 Jahren durch ihre Inhaber, die Technischen Universitäten genauso wie die diplomierten Ingenieure in Wissenschaft und Industrie, stetig an Bedeutung gewonnen hat.


 

Der Erfinder des Elektronenmikroskops?

 

Dipl.-Ing., Dr.-Ing., später auch Professor Ernst August Friedrich Ruska. Ein deutscher Elektroingenieur! Der Erfinder des ersten
Computers? Dipl.-Ing. Konrad Zuse. Man stelle sich vor: Ein Bau-Ingenieur! Und es gibt viele mehr: Diplom-Ingenieure haben uns den Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte beschert. Diplomierte Ingenieure sind es, die im globalen Wettbewerb die Innovationen vorantreiben, damit wir auch künftig in Wohlstand, Sicherheit und in Einklang mit der Umwelt leben können.

 

Wo liegen die Motivationen der Akteure bei der Debatte um den Diplom-Ingenieur?

 

Hier mag es verschiedene Aspekte geben. Klar ist, dass wir im weltweiten Wettbewerb der Volkswirtschaften im Wissenszeitalter gut ausgebildete Akademiker brauchen. 30 bis 40 Prozent eines Jahrgangs sollen nach dem Willen der Politik eine akademische Ausbildung erhalten. Dies im Umfang einer fünfjährigen universitären Ausbildung zu realisieren, dagegen stehen Kosten und auch inhaltliche Gründe: Brauchen wir wirklich in dem Umfang eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung? Ich meine: nein. Es ist erneut an der Zeit, auf die gute Qualifikation deutscher Fachhochschulingenieure hinzuweisen. Idealerweise gekoppelt mit einer beruflichen Ausbildung (Lehre), kann in einem drei- bis vierjährigen Studium ein leistungsfähiger, anwendungsbezogener Ingenieur ausgebildet werden. Ähnliches gilt für viele andere Berufe, und in dieser Aufgabe müssen die Fachhochschulen gestärkt werden. Ich fordere, dass 80 Prozent der zukünftig auszubildenden Akademiker über diesen Weg gehen sollen. Ein kleinerer Teil der Ingenieure, also etwa 20 Prozent, sollte forschungsorientiert ausgebildet werden. Nur diese brauchen den längeren Ausbildungsweg bis zum Master. Sie werden vorbereitet für Aufgaben in Forschung und Entwicklung. Und von diesen sollte wiederum nur ein kleiner Teil, also etwa ebenfalls 20 Prozent, im Rahmen einer Promotion befähigt werden, in der Wissenschaft vertieft zu arbeiten. Ein solches, gestuftes System vermittelt solide Ausbildung bei Schonung staatlicher Ressourcen und zugleich bei Vermeidung überlanger Studienzeiten.

 

Allerdings braucht ein solches Konzept auch den Willen aller Beteiligten, die unterschiedlichen Zielsetzungen und Befähigungen eines differenzierten Bildungssystems und der hierin ausgebildeten Menschen anzuerkennen. Natürlich muss ein solches Bildungssystem auch Konflikte aushalten. Nicht jeder, der will, kann. Das Bildungssystem ist nur dann tauglich, wenn es die unterschiedlichen Qualifikationen herausstellt, nicht nivelliert.

 

Leider fällt es der Politik heute leichter, mit Gleichmacherei Stimmen zu fangen.

 

Dies wiederum führt dann zu den bedauerlichen Fehlentwicklungen, die wir heute über das ganze Bildungssystem beobachten können. So erklärt sich auch, warum die Zahl der Studierenden in den Fachhochschulen deutlich niedriger ist als in den Universitäten, obwohl sie eigentlich ein Vielfaches betragen sollte. Zugleich sind die Erfolgsquoten der Studierenden an Universitäten viel zu gering, sie erreichen teilweise nicht einmal 50 Prozent. Prüfen die Universitäten zu streng? Sind ihre Studiengänge zu schwer? Oder lassen wir einfach zu, dass junge Menschen wegen fehlgeleiteter Entscheidungsprozesse auf den falschen Bildungseinrichtungen studieren, die ihren Fähigkeiten nicht gerecht werden? Lassen wir dabei auch zu, dass die Universitäten und die Studierenden selbst unnötig belastet werden? Was wollen wir von der TU 9, der Allianz der großen Technischen Universitäten in Deutschland? Wir setzen uns für das dreistufige Qualifikationssystem ein. Wir stehen als leistungsstarke, aber auch kostspielige Forschungsuniversitäten in der Aufgabe, Ingenieure mit einem wissenschaftsbezogenen Profil auszubilden. Bisher haben wir die so Ausgebildeten mit dem akademischen Grad „Dipl.-Ing.“ ausgezeichnet. Dies möchten und werden wir auch in Zukunft so machen.

 

Der Dipl.-Ing. soll leben!

 

Dass dies kein Widerspruch zur Bologna-Reform ist, beweist übrigens das österreichische Universitätsgesetz. Dort wird klar geregelt: Der „Dipl.-Ing.“ ist ein Mastergrad. So einfach kann das sein.

Deshalb verlangen wir heute das von den zuständigen Politikern, was unsere Kollegen von ihrem König und Kaiser vor über hundert Jahren erfolgreich eingefordert haben:
Wir wollen den Titel Diplom-Ingenieur weiterhin vergeben können! Nicht mehr und nicht weniger fordern die Rektoren der TU 9 von unseren Bildungsministern. Hierin bitte ich alle, die das Thema in seiner Tragweite erfassen, uns zu unterstützen.